Was muss man beachten....


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Wenn der Berg ruft ...
Was Gipfelstürmer beachten sollten

Text Werner Waldmann - © Fotos Ulrich Bäcker - WebDesign Theo Messing
Bergruft-01
Dr. med. Ulrich Bäcker,
Leiter der Abteilung Innere Medizin an der Klinik Oberstdorf.


Die Berge haben immer eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf uns Menschen ausgeübt. Für viele ist das Bergwandern und Bergsteigen ein faszinierendes Erlebnis, das sie nicht missen möchten. Doch leider geht so mancher Gipfelstürmer zu leichtsinnig an das „Abenteuer Berg“ heran: Ein zu rascher Aufstieg kann zur Höhenkrankheit führen – und das kann gefährlich werden.

Der Berg ruft; aber er birgt auch Gefahren. Wer sich sorgfältig auf eine Bergtour vorbereitet, sie gut ausgerüstet und ausgeruht antritt und sich dabei weder überschätzt noch überfordert, für den kann sie ein wunderbares Erlebnis und nebenbei auch noch ein optimales Fitnesstraining sein. Doch man darf die Gefahren nicht unterschätzen. Neben Lawinen, Unwettern und Bergunfällen kann auch die Höhenkrankheit zu einem ernsten Problem werden.




In schwindelnder Höhe ...

Mit steigender Höhe nimmt der Luftdruck und Sauerstoffgehalt der Luft ab. Dadurch nehmen die Lungen mit der Atemluft nicht mehr genügend lebenswichtigen Sauerstoff auf – der Körper leidet unter Sauerstoffmangel. Die Beschwerden und Erkrankungen, zu denen es dadurch in größeren Höhenlagen (ab 2500 m) kommen kann, bezeichnet man als Berg- oder Höhenkrankheit.

Bis zu einem gewissen Grad kann sich der Körper an größere Höhen anpassen und trotzdem eine ausreichende Sauerstoffversorgung seiner Zellen sicherstellen: Die Atemfrequenz (d. h. die Häufigkeit der Atemzüge) und das Atemzugvolumen erhöhen sich, Herzfrequenz und Blutdruck steigen, die Urinproduktion steigt (Höhendiurese) mit leichter Eindickung des Blutes, und der Körper produziert mehr rote Blutkörperchen, um den Sauerstoffmangel auszugleichen. Diesen Anpassungsprozess, der im Laufe von Stunden bis Tagen eintritt, bezeichnet man als Akklimatisation. Der morgendliche Ruhepuls ist erhöht und erst bei Rückgang wieder an den individuellen Ausgangswert angepasst. Wenn man zu rasch in Höhen über 2500 m aufsteigt, sodass sich der Körper nicht langsam und allmählich an die veränderten Bedingungen gewöhnen kann, kommt es zu den typischen Symptomen und Beschwerden einer Höhenkrankheit. Sie treten normalerweise sechs bis zwölf Stunden nach der Ankunft in größerer Höhe auf.

Die meisten Deutschen kommen aus Höhen um maximal 600 bis 700 m. Wenn diese Leute zu rasch in Höhen über 2500 bis 3000 m aufsteigen, bekommen sie Kopfschmerzen, leiden unter Übelkeit, manchmal auch Erbrechen, Kurzatmigkeit bei Belastungen und fühlen sich schwach und erschöpft“, erklärt Dr. Ulrich Bäcker, Leiter der Abteilung Innere Medizin an der Klinik Oberstdorf, der sich unter anderem auf Bergmedizin spezialisiert hat. Auch Appetitlosigkeit, Herzrasen, Schwindel und Schlafstörungen sind häufige Symptome. Eine solche leichte Höhenkrankheit tritt bei 30% aller Bergwanderer in Höhen über 3000 m auf und ist (noch) harmlos, sollte aber trotzdem nicht auf die leichte Schulter genommen werden, da sich rasch gefährliche Komplikationen entwickeln können, wenn man die Beschwerden ignoriert und einfach weiter aufsteigt. Deshalb sollte man jetzt erst einmal einen Ruhetag einlegen.

„Schwere körperliche Belastungen sind bei Höhenkrankheit unbedingt zu meiden, denn unter Belastung sinkt die Sauerstoffsättigung im Blut noch mehr ab, teilweise auf Werte unter 80%.“ Wenn man sich schont, klingen die Beschwerden meistens nach ein bis drei Tagen von selbst ab. Erst dann sollte man sich in größere Höhenlagen vorwagen, aber auch das bitte nicht zu rasch: Mehr als 300 Höhenmeter pro Tag sollten es nicht sein. Falls die Beschwerden durch Ruhe, Schonung und Abwarten nicht von selbst verschwinden, sollte man unbedingt wieder in tiefere Höhenlagen (unter 2500 m bzw. unter die Grenze, als noch keine Beschwerden zu spüren waren) absteigen.

Gefährlicher Leichtsinn

Denn wenn Menschen trotz Symptomen einer Höhenkrankheit weiter aufsteigen, verschlimmern sich die Beschwerden, und dann kann es gefährlich werden: Körperliche Leistungsfähigkeit, Konzentrations- und Reaktionsvermögen nehmen immer weiter ab, weil die Sauerstoffversorgung des Gehirns eingeschränkt ist; die Patienten werden entweder apathisch oder euphorisch, überschätzen sich selbst, neigen zu Leichtsinn und können die Gefahren ihrer Situation nicht mehr richtig einschätzen („Höhenkoller“). In so einer Situation passieren besonders leicht Bergunfälle.

Außerdem kann es bei schwerer Höhenkrankheit zu lebensbedrohlichen Wasseransammlungen (Ödemen) in Gehirn und Lunge kommen. Im Gehirn führt diese Flüssigkeitseinlagerung zu einer Hirnschwellung mit Symptomen wie Verwirrtheit, Orientierungsverlust, irrationalem Verhalten und Halluzinationen; im fortgeschrittenen Stadium werden die Patienten schläfrig und lethargisch und fallen schließlich ins Koma.

Ein solches Höhenhirnödem tritt umso eher auf, in je größere Höhen man aufsteigt; in Höhenlagen von 3000 m ist es noch relativ selten, ab 5000 m kommt es schon häufiger vor. Eines der ersten Alarmsignale ist eine Störung der Bewegungskoordination und des Gleichgewichtssinns: Die Patienten wirken plötzlich unbeholfen, sind unsicher auf den Beinen. Jetzt hilft nur noch eins: Sofort absteigen, auch wenn es mitten in der Nacht ist! Wer das nicht mehr aus eigener Kraft schafft, muss von seinen Kameraden oder per Rettungsdienst in tiefere Lagen transportiert werden. Außerdem kann man ihm, sofern vorhanden, Kortison gegen die Hirnschwellung verabreichen und ihn mit Sauerstoff beatmen. Manchmal bessert sich das Befinden des Patienten durch diese Behandlung so weit, dass er den Abstieg doch noch ohne fremde Hilfe bewältigen kann.

Nicht weniger gefährlich ist das Höhenlungenödem. Es tritt meistens in den ersten zwei bis vier Tagen nach Erreichen von Höhen über 3500 m auf. Auch hierfür ist das Risiko umso größer, je höher (und schneller) man aufsteigt. Erste Symptome sind Atemnot – zunächst nur bei Belastungen, im fortgeschrittenen Stadium auch in Ruhe, vor allem nachts, sodass der Patient nur noch im Sitzen atmen kann –, Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit und ein zunächst trockener, später feuchter Husten mit blutigem Auswurf. (Allerdings tritt trockener Husten in großen Höhen häufig auf; er muss also nicht unbedingt auf ein Lungenödem hindeuten.)

Auch in so einem Fall ist sofortiger Abstieg die einzige Rettung. Außerdem sollte der Patient sich körperlich möglichst wenig belasten. „Es gibt Überdrucksäcke, in die man solche Patienten hineinlegen und die man anschließend aufblasen kann“, erklärt Dr. Bäcker. „Durch den höheren Druck in diesem Sack wird ein Abstieg bis auf 2000 m simuliert. Dadurch verbessert sich die Sauerstoffsättigung im Blut.“ Das Ganze hat jedoch auch einen Nachteil: Die anderen Kameraden müssen permanent pumpen, um das Kohlendioxid aus dem Sack zu entfernen. Länger als zwei bis drei Stunden halten sie das meistens nicht durch. „Wenn es dem Patienten anschließend wieder besser geht“, warnt Dr. Bäcker, „sollte man ihn aber trotzdem keinesfalls weiter aufsteigen lassen, sondern den Patienten unbedingt hinuntertransportieren.“

Ferner hilft auch beim Höhenlungenödem eine Behandlung mit Sauerstoff, und es gibt auch Medikamente: beispielsweise Nifedipin (z. B. Adalat®) und das als Potenzmittel berühmt gewordene Sildenafil (Viagra®), das nicht nur die Gefäße im Penis, sondern auch in der Lunge erweitert und auf diese Weise das Ödem, das durch einen inhomogen erhöhten Blutdruck in den Lungenarterien entsteht, bessert.

Vorbeugen: besser als jede Behandlung

Beide Krankheitsbilder – sowohl das Höhenlungen- als auch das Höhenhirnödem – sind unter anderem deshalb so gefährlich, weil sie sich, einmal eingetreten, sehr rasch (meist innerhalb von 12 bis 24 Stunden) verschlimmern. Sie führen häufig zum Tod, weil die Symptome entweder nicht rechtzeitig erkannt oder auf die leichte Schulter genommen werden; zumindest die Betroffenen selbst sind meistens nicht mehr in der Lage, ihren gefährlichen Zustand richtig einzuschätzen und rational zu reagieren.

Oft ist es aber auch gar nicht möglich, so schnell abzusteigen, wie es erforderlich wäre, um das Leben des Patienten zu retten – zum Beispiel, weil keine Träger zur Verfügung stehen, das Wetter sich verschlechtert oder (beispielsweise auf Hochebenen) keine tiefere Lage erreichbar ist. In solchen Fällen bleibt nichts anderes übrig, als die nächste Polizeistation oder den nächsten Rettungsdienst zu alarmieren. Doch selbst dann dauert die Rettung oft länger, als der Patient es in seinem schlechten Zustand noch aushält. „In Gebieten wie Nepal oder auf dem Hochplateau in Südamerika, in 4000 m Höhe, ist es kaum möglich, schnell herunterzukommen“, warnt Dr. Bäcker. Und die ärztliche Versorgung ist in solchen Regionen natürlich auch nicht immer optimal: In den kleinen Krankenhäusern kann ein Patient mit einem lebensbedrohlichen Hirn- oder Lungenödem oft nicht adäquat behandelt werden.

Aber auch Gipfel, die leichter zu bezwingen sind, bergen ihre Gefahren: „Den Kilimandscharo beispielsweise kann man in vier Tagen besteigen“, weiß Ulrich Bäcker, der selbst schon dort gewesen ist, „und viele Leute machen das auch, weil die Aufenthaltsgebühren im Nationalpark sehr hoch sind. Aber leider besteht dann eben das Risiko, dass man am dritten Tag ein Höhenlungenödem entwickelt.“ Die Nationalparkverwaltung hat Untersuchungen über die Häufigkeit von Lungenödemen an diesem Berg durchgeführt, der von mehreren tausend Menschen im Jahr bestiegen wird, und festgestellt: Gerade dort kommen Komplikationen aufgrund der Leichtigkeit des Aufstiegs sehr häufig vor. Denn wegen des bergsteigertechnisch unkomplizierten Anstiegs wagen sich an diesen Gipfel auch viele Menschen heran, die keine Höhenbergsteiger und nicht besonders gut trainiert, vielleicht nicht einmal ganz gesund sind – und überschätzen und überfordern sich dabei. Ulrich Bäcker hat es anders gemacht: „Wir haben uns für den Aufstieg sieben Tage Zeit genommen, am Shira-Plateau bei 4000 m eine Pause eingelegt, sind ein bisschen spazieren gegangen, sind einen Tag auf 4600 m zum Lava-Tower aufgestiegen, um dann wieder auf 4000 m zu schlafen, ehe wir uns an den endgültigen Gipfelanstieg von 4600 m auf 5900 m machten. Dieser Ruhetag war sehr wertvoll.“ Was nützt es denn schon, sich zu überfordern und unnötige Risiken einzugehen? Schließlich betreibt man das Bergwandern und Bergsteigen aus Freude am Sport und am Naturerlebnis – und nicht, um sich oder anderen etwas zu beweisen.

Gerade bei der Höhenkrankheit gilt die uralte Binsenweisheit: Vorbeugen ist besser als heilen. Man muss genügend Zeit für den Aufstieg einplanen, damit der Körper sich langsam an die Höhe gewöhnen kann. Leider können viele Leute es gar nicht erwarten, möglichst schnell auf den Berg zu kommen, und vernachlässigen daher die einfache Vorsichtsregel, in Höhenlagen über 2500 m nicht mehr als 300 m pro Tag aufzusteigen – selbst wenn man noch keine Symptome einer Höhenkrankheit spürt. Ausschlaggebend sind dabei die Höhenlagen, in denen man die Nacht verbringt: Das heißt, man kann (nach der Faustregel „Hochsteigen, tief schlafen“), sofern man sich wohl fühlt, im Laufe des Tages durchaus auch höher als 300 m aufsteigen, wenn man vor dem Schlafengehen wieder absteigt. Außerdem empfiehlt es sich, alle zwei bis drei Tage (oder alle 1000 Höhenmeter) einen Ruhetag einzulegen, viel zu trinken (aber keinen Alkohol!) und Infektionen oder sonstige Erkrankungen auszukurieren, ehe man sich an den Aufstieg wagt. Besonders wichtig ist es gerade in großen Höhenlagen, Flüssigkeitsdefizite, die durch Schwitzen und Durchfälle entstehen, durch reichliches Trinken auszugeichen. Man soll (außer nach vorheriger Absprache mit dem Arzt) keine Medikamente, auch keine Schlafmittel, einnehmen, weil diese in großen Höhen gefährliche Nebenwirkungen verursachen können.

Vorsicht mit Medikamenten!

Obwohl man mit Medikamenten in größeren Höhenlagen grundsätzlich vorsichtig sein und Symptome einer Höhenkrankheit durch vernünftiges Verhalten zum Abklingen bringen sollte, gibt es doch ein paar Ausnahmen: Gegen Kopfschmerzen kann man Ibuprofen einnehmen – eher als Aspirin wegen der Gefahr von Blutungen. Auch Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen sind erlaubt. Allerdings sollte man nicht der Versuchung erliegen, weiter aufzusteigen oder sich körperlich unnötig zu überfordern, wenn es einem durch diese Arzneimittel wieder besser geht! Denn sie beseitigen nur die Symptome, nicht aber die Ursache des Übels, nämlich die Höhenkrankheit. Auch sollte man Medikamente nicht einnehmen, um der Entstehung einer Höhenkrankheit vorzubeugen oder um ohne Einhaltung der nötigen Vorsichtsmaßregeln möglichst rasch aufsteigen zu können. Es gibt zwar Arzneimittel, die in den Mechanismus der Höhenadaptation eingreifen; sie sollten aber nur in Absprache mit dem Arzt eingesetzt werden, niemals in Eigenmedikation, weil das gefährlich werden kann – unter anderem deshalb, weil sie die Symptome einer Höhenkrankheit verschleiern und den Bergsteiger in falscher Sicherheit wiegen können. Und man sollte diese Substanzen auch keinesfalls als „Doping am Berg“ einsetzen, sondern nur in absoluten Notsituationen, wenn ein schneller Aufstieg sich nicht vermeiden lässt (beispielsweise bei einer Rettungsaktion im Hochgebirge oder bei einem Flug nach Lhasa) – was bei Hobby-Bergsteigern aber wohl eher selten der Fall sein dürfte. Wer früher schon einmal an einer schweren Höhenkrankheit gelitten hat und trotzdem unbedingt wieder einen Gipfel bezwingen möchte, der sollte solche Medikamente prophylaktisch mitnehmen. Noch wichtiger ist es für solche Personen aber, beim Aufstieg besondere Vorsicht walten zu lassen. Denn auch für die Medikamente zur Behandlung einer schweren Höhenkrankheit gilt: Man sollte sie zwar, wenn man in entsprechende Höhen aufsteigt, in Absprache mit dem Arzt als „Notfallausrüstung“ dabeihaben, sich aber so besonnen verhalten, dass man sie möglichst niemals braucht. Normale Ruhepulswerte am Morgen, eine gute Urinproduktion, gutes Befinden und ggf. mittels eines kleinen Fingerpulsoxymeters gemessene gute Sauerstoffsättigungswerte im Blut sprechen für eine gute und ausreichende Akklimatisation.













Die folgenden Fotos zeigen eine Übung mit einem Überdrucksack, in dem man Patienten mit einem Höhenlungenödem hineinlegen kann.




Durch den höheren Druck im Sack wird ein Abstieg bis auf 2000 m simuliert. Dadurch verbessert sich die Sauerstoffsättigung im Blut.







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